Jung und Alt leben in gegenseitiger Verantwortung

Generationenbeziehungen werden zunächst einmal unmittelbar in der Familie erfahrbar. Aufgrund der höheren Lebenserwartung erleben in Familien drei oder sogar vier Generationen eine immer länger werdende Zeitspanne miteinander. In der Familie wird eine von den Generationen untereinander geübte und akzeptierte Solidarität gelebt. Diese Verantwortung füreinander reicht weit über die gesamtgesellschaftlich organisierten Transfers staatlicher Sozialsysteme hinaus. Familie als generationenübergreifende Gemeinschaft ist der Ort, an dem die Menschen sich lebenslang in diese Verantwortung eingebunden fühlen. Die Mehrgenerationen-Familie besteht daher nicht nur aus dem Kern von Mutter, Vater und heranwachsendem Kind bzw. Kindern, sondern stellt eine lebenslange, verbindliche und rechtlich abgesicherte Verantwortungsgemeinschaft zwischen Großeltern, Eltern und Enkeln dar, auch wenn diese erwachsen sind.  

 

Der Begriff »Mehrgenerationensolidarität« fasst die Leistungen zusammen, die nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit und Verantwortung füreinander zwischen Älteren und Jüngeren erbracht und von der Gesellschaft auch erwartet werden. Dazu gehören materielle Zuwendungen wie finanzielle Unterstützung, aber auch die fürsorgliche Aufgabenteilung in der Kinderbetreuung und Kindererziehung, in der Pflege bedürftiger Familienmitglieder oder bei der Weitergabe von Glaube, Werten, Traditionen und soziokultureller Bildung. Die persönliche Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder in Kindheit und Jugend zu unterstützen sowie die gelebte Verantwortung der Kinder, den alt gewordenen Eltern zu helfen, sind elementarer Ausdruck dieser Solidarität zwischen den Generationen.  

 

Unsere Leitlinien:  

  • Mehrgenerationensolidarität wird vor allem in Familien gelebt. Dies macht die Familie zu einer tragenden Säule unserer Gesellschaft.  
  • Nur eine familienfreundliche Gesellschaft schafft die Räume und strukturellen Voraussetzungen, in denen sich verlässliche Generationenbeziehungen und eine solidarische Gesellschaft entfalten können.  
  • Staatliche Solidarsysteme können das private Solidarsystem Familie nicht ersetzen. Die in den Familien gelebte Generationensolidarität ist für den einzelnen Menschen, aber auch für die staatliche Gemeinschaft das wichtigste Unterstützungssystem.    
 

Generationenbeziehungen gestalten  

Generationenbeziehungen werden überall dort gestaltet, wo Mitglieder verschiedener Generationen gemeinsam handeln. Den Generationenbeziehungen innerhalb der Familien kommt dabei eine besondere Bedeutung für das Zusammenleben von Alt und Jung in Deutschland zu. Rund 30 % der 60-69-Jährigen gaben in einer Untersuchung an, außerhalb der Familie eher wenig oder gar keinen Kontakt zu jüngeren Menschen zu haben. Etwa ein Fünftel der 20-25-Jährigen sagt, außerhalb der Familie keinen Kontakt zu älteren Menschen zu haben. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele junge Familien nur noch selten in einem Mehr-Generationen-Haushalt mit der älteren Generation zusammenwohnen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es kein enges Zusammenleben gibt. Die Zahlen spiegeln nicht die partnerschaftlichen und familialen Beziehungen wider, die über die Grenzen des Haushaltes hinausgehen. Die räumliche Nähe ist sehr hoch. So leben 78 % aller jungen Eltern am Ort oder in erreichbarer Nähe zu ihren Eltern oder Verwandten. Fast jeder Zweite hat Kinder oder Eltern im gleichen Ort wohnen. Bei der überwiegenden Mehrheit findet zudem regelmäßige unterstützende Kommunikation statt. Angesichts der Anforderungen der globalisierten Wirtschaft, die für viele Erwerbstätige höhere Mobilität fordert, und angesichts der vermehrten Erwerbstätigkeit der Frauen und Mütter ist jedoch zu erwarten, dass zukünftig Großeltern, Eltern und Kinder häufig weiter auseinander wohnen werden.  

 

Auch der Staat gestaltet Generationenbeziehungen mit  

Generationenbeziehungen werden aber auch von Staat und Gesellschaft gestaltet. Auf dieser Ebene hat das staatliche System der sozialen Sicherung kollektive Generationenbeziehungen etabliert. Beispielhaft wird der Generationenzusammenhang beim »Generationenvertrag« Rentenversicherung, wo im Umlageverfahren die gegenwärtig Erwerbstätigen die aktuellen Rentenzahlungen finanzieren. Die verschiedenen Ebenen der Gestaltung von Generationenbeziehungen - die innerfamiliäre und die gesamtgesellschaftliche Ebene – ergänzen einander. Der Staat übernimmt dabei die Regelung der Rechte und Pflichten zwischen und innerhalb der Gesellschaftsgenerationen. Als Träger des Systems der sozialen Sicherung nimmt er dabei alle Erwerbstätigen in die Pflicht, ihren Beitrag zu den Belangen der Solidargemeinschaft zu leisten. Diese Generationensolidarität ist allerdings darauf angewiesen, dass die Voraussetzungen dafür gegeben sind, dass eine ausreichende Anzahl Erwerbsfähiger tatsächlich erwerbstätig ist und mit eigenen Beiträgen das System funktionsfähig erhält. 

 

Ganzheitliche Generationenpolitik   

Angesichts der Wechselwirkungen der innerfamiliären und der gesamtgesellschaftlichen Mehrgenerationensolidarität ergibt sich die Notwendigkeit der expliziten politischen Gestaltung  von Generationenbeziehungen. Der Familienbund der Katholiken  spricht sich daher für die Etablierung einer ganzheitlichen Politik  für Generationen, eine Generationenpolitik aus. In diesem Sinne ist die Einrichtung von Mehrgenerationenhäusern zu begrüßen, die als Anlaufstelle für familienorientierte Dienstleistungen, beispielsweise Angebote der Frühförderung,  Betreuung und Bildung sowie Möglichkeiten der Begegnung und  des Miteinanders der Generationen schaffen.   

 

Unsere Forderungen:

  • Zur Förderung der Mehrgenerationensolidarität bedarf es einer expliziten Politik der Gestaltung von Generationenbeziehungen, einer Generationenpolitik. Eine Generationenpolitik berücksichtigt alle Handlungsfelder der Politik, die für die Regelung von Generationenbeziehungen relevant sind und sich gezielt der nachhaltigen Förderung guter Generationenbeziehungen widmet. 
  • Eine an Nachhaltigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit orientierte Generationenpolitik muss den gesamten Lebenslauf der gegenwärtigen Generation wie auch der nachfolgenden Generationen berücksichtigen. Dabei ist dafür Sorge zu tragen, dass die Generationen der heutigen und zukünftigen Steuer- und Beitragszahler nicht ungleich behandelt werden.