Ein traditionsreicher Verein blickt zurück

170 Jahre Gesellschaft Parlament

 

Schon als die Wuppertaler Gesellschaft „Parlament“ zu Anfang des Jahres 2015 ihr 170jähriges Bestehen feierte, erwies sich ein neugieriger Blick in die noch erhaltenen Annalen als aufschlussreich und vermittelte sowohl Verständnis für die  Denkweisen im 19. Jahrhunderts als auch für eine über etwa sechs Generationen verlaufende Entwicklung mit vielen Höhen und Tiefen.

 

In einer Zeit, da die beginnende Industrialisierung mit Wohnungsnot und vielen sozialen Problemen einher ging, kam der damals in Elberfeld tätige Pädagoge Johann Gregor Breuer auf den Gedanken, eine Männervereinigung zu gründen, die sich für die Freiheit und Erhaltung des Glaubens einsetzen und  „das Selbstgefühl des katholischen Mannes“ wachsen lassen sollte. Erst ab 1950 wurden auch die Damen eingeladen und ab 1970 konnten sie Mitglied werden.

 

Der Vereinsname „Gesellschaft Parlament“ - abgeleitet von „parler“ (frz.) = reden - kam gewissermaßen als Verlegenheitslösung zustande, denn ursprünglich wollte der geistige Stifter einen „Katholischen Leseverein“ ins Leben rufen. Doch da sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Katholiken im Tal der Wupper oftmals ausgegrenzt fühlten und fürchteten, bei den Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften anzuecken, einigte man sich auf diesen neutralen Namen. St. Petrus wurde als Patron beschlossen und seine Himmelsschlüssel sind noch heute das aussagekräftige Symbol der Gesellschaft.

 

Nach der Genehmigung der Statuten des Vereins durch die Königlich-Preußische Regierung konnte sich die neue „Gesellschaft Parlament“ frei entwickeln. Die Mitgliederzahl stieg bis zum Jahr 1920 auf 500. Als politische Bremse entpuppten sich bald die Vorläufer des „Dritten Reichs“. Ab 1935 stand die Vereinigung „durch die Einengung von Freiheit und Eigenständigkeit“ stark unter Druck, musste ihr eigenes Gesellschaftshaus verkaufen und einen enormen Mitgliederverlust hinnehmen.

 

Als der Verein schon vier Monate nach Kriegsende zu neuen Aktivitäten aufrief, war für das  Einberufen der Mitgliederversammlung noch die Genehmigung durch die britische Militärregierung erforderlich. Doch der „alte“ Vorstand brachte es fertig, in dieser schwierigen Zeit neue Energien zu entwickeln. „Parlament“, die älteste Gesellschaft ihrer Art in Deutschland, nahm den Betrieb wieder auf. In den letzten Jahrzehnten standen Georg Lanz, Robert Wand, Hans Riedel und Karl-Heinz Bruns an der Spitze der Vereinigung und vereinten die alten Traditionen mit modernen, zeitgenössischen Ideen. Seit vielen Jahren ist die Gesellschaft offen für alle christlichen Konfessionen.

 

Oftmals unterstützte die Gesellschaft soziale Einrichtungen. Beispielhaft waren  der Bau des St.-Josefs-Hospitals, die Ausstattung der Hausapotheke und der Kapelle, die Einrichtung von Freibett-Fonds für arme Kranke der Gemeinde, die Stiftung einer goldenen Monstranz, die Errichtung des Hochkreuzes  auf dem Friedhof Hochstraße und diverse Spenden, z.B. an das Kinderheim St. Michael und an die  Werk- und Lebensgemeinschaft Ovelgönner Mühle. Doch bis heute bleiben die Unterhaltung im Kreise Gleichgesinnter sowie die Pflege von Kultur und Geselligkeit  als bemerkenswerte Ziele vorrangig im Blick.

 

Autor: Hans Kadereit